Peerconomy
Ich wollte mir schon lange einmal den Schenkladen/Umsonstladen Systemfehler in der Scharnweberstraße ansehen. Neulich Abend war dieser zwar leider geschlossen, dafür hing aber die Ankündigung aus, dass Christian Siefkes sein Buch über “Peer Ökonomie” oder Peerconomy mit dem Titel “From Exchange to Contributions: Generalizing Peer Production into the Physical World” vorstellt. Das pdf veröffentlicht unter Creative Commons non-commercial share-alike (pdf) oder aber auch gedruckt, eine deutsche Fassung sei in Arbeit.

Seit der Lektüre von “Chris Andersons” Longtail (oder hier), welches im deutschen – kulturell höchst sensibel – “Der Lange Schwanz” untertitelt ist, gefragt habe, wie dieses Phänomen politisch relevant wird bzw. genutzt werden kann. Chris Andersons interessiert sich ausschließlich für den Markt und das Verhalten der Konsumenten und wie sich jenes geändert hat. Um dann erfolgreiche Konzepte von Firmen wie Amazon, Netflix oder Google, vorzustellen, die dies früh erkannt und für sich genutzt haben. Politisch wenig brisant! Und dennoch fallen Begriffe, wie die Demokratisierung der Produktionsmittel.
Der Andrang war dann wohl auch größer als erwartet, so dass der Autor dem gedrängten Publikum seinen Gesellschaftsentwurf vorgestellt hat. Kern seiner Arbeit ist die Möglichkeiten zu beleuchten, kollaborative Prozesse, welche bei der Erstellung freier Software (z.B. Firefox, OpenBSD, Linux) oder bei der Erstellung der Inhalte von Wikipedia stattfinden, auf die physikalische Welt zu übertragen. Wichtig ist das Motiv der Zusammenarbeit: die Mensche kooperieren, weil sie ein gemeinsames Interesse am Ergebnis oder am Produkt, ein Bedürfnis, teilen. Sei es das Interesse an einer kostenlosen Browser-Alternative, einem Betriebssystem oder einer freien Online-Enzyklopädie.
In der physikalischen Welt, lassen sich bisher Produkte nicht ohne weiteres kopieren. Das heißt auch, dass der Zugriff (der Autor verwendet hierfür Besitz) limitiert ist. Während ein Programm beliebig oft vervielfältigt werden kann, oder nahezu beliebig viele Menschen gleichzeitig auf Wikipedia zugreifen können, kann ein Fahrrad nur von einer Person gefahren werden. Somit kann ich, selbst wenn ich noch nie zu einem Wikipedia-Artikel beigetragen habe, alle Beiträge lesen.
Nach dem Modell des Autors müssen in der physikalischen Welt alle Menschen, die Interesse an einem Produkt haben (ein Bedürnis teilen), Arbeitsaufwand investieren. In der Summe den zur Produktion nötigen Gesamtaufwand. Da nun nicht jede/r die/der Käse essen will, dafür eine Stunde pro Woche in einer Käse-Fabrik arbeiten kann, soll in Siefkes’ Modell der Arbeitsaufwand in Gemeinschaften verschiedener Größe gepoolt werden.
Angenommen, dass ich, um alle gewünschten Produkte zu erhalten, X Arbeitsstunden leisten muss: Somit kann ich mir aus dem Pool der anstehenden Arbeiten selbst die X Stunden Arbeiten aussuchen, die ich erledigen möchte. Da es sicher verschieden beliebte Arbeiten gibt, werden diese je nach Beliebtheit gewichtet. Je beliebter eine Arbeit ist, umso geringer wird deren Gewicht. Diese Bewertung wird solange angepasst, bis es für alle Arbeiten Freiwillige gibt. Wodurch Mensch wählen kann, für längere Zeit eine angenehmere Arbeit oder kurz eine unangenehmere Arbeit zu verrichten.
Wichtig hierbei ist, dass der Mensch ausschließlich für Sachen arbeitet, die er selbst benötigt, indem die geleisteten Arbeitsstunden aufgerechnet werden. Somit steht im Zentrum des System die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen und nicht wie im Kapitalismus der Profit. Es wird also ausschließlich produziert, wenn eine Bedürfnis vorhanden ist, aufgrund guter Profitaussichten. Situationen in denen obwohl ein Bedürfnis vorhanden ist nicht produziert wird, da kein Profit zu erwarten ist, entfallen.
Das Spannende an dem Entwurf ist Entschärfung von Geld. Es ist nicht mehr nötig zuerst seine Arbeitskraft zu verkaufen (tendenziell an eine Unternehmung, welche vorrangig auf den Profit abzielt), um dann etwas kaufen zu können. Anstatt bringt man die eigene Arbeitskraft direkt ein. Außerdem ist es sichergestellt, dass jede geleistete Arbeit darauf abzielt, die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Sinnvolle Arbeit, juchei!
Der Entwurf verneint nicht die schlechten Eigenschaften des Menschen, aber im Gegensatz zum Kapitalismus fördern die systemimmanenten Mechanismen diese nicht, eher werden sie neutralisiert oder ihnen mitunter entgegengewirkt.
Siefkes bietet einen Satz von Spielregeln, die es jetzt zu durchleuchten, auszuarbeiten und zu erproben gilt. Um zu sehen, ob was sich im Kleinen erschließt, im Großen wirklich umzusetzen ist.
Im Ganzen ein wirklich inspirierender Abend!



am 24. Oct. 2008
Peer-Produktion als dritter Weg?…
Planwirtschaft hat nicht funktioniert, Marktwirtschaft ist zum kleineren Übel geworden und der Zustand der Wirtschaft verbietet nicht, über Alternativen nachzudenken. Ein paar Reförmchen und zusät ……